Mit einer Massage tritt die Mutter in Beziehung zum Kind und lernt es besser kennen. Das Kind fühlt sich wohl und gewinnt an Selbstvertrauen.

«Man kennt nur die Dinge, die man zähmt»,sagt der Fuchs zum Kleinen Prinzen von Saint-Exupéry. Mit Körperkontakt zum Kind – ein Kontakt von unendlicher Zärtlichkeit – verschafft die Mutter ihrem Baby nicht nur Wohlbefinden. Das Baby lernt damit seinen Körper als seinen eigenen kennen, denn bis vor der Geburt war dieser ja Teil des mütterlichen Leibes. «Babys sind sich nicht instinktiv ihrer Glieder bewusst. Einige Kinder, vor allem jene, die per Kaiserschnitt auf die Welt kommen, nehmen noch lange nach der Geburt die fötale Position ein. Eine Massage hilft, sie für die Welt um sie herum zu öffnen.» Dies die Überzeugung von Alexia Torti, Krankenschwester und Lehrerin für Babymassagen in Vétroz im Wallis. «Als ich Mutter wurde, fühlte ich mich zu einem gewissen Zeitpunkt komplett überfordert », erzählt sie. «Mein Sohn weinte viel. Ich suchte um Rat und eine Hebamme zeigte mir einige Massagebewegungen. Zu merken, dass allein meine Hände auf seinem Körper ihn sofort beruhigten, war ein entscheidender Moment. Ich begriff, dass Berührung für die Entwicklung meines Babys zentral ist.»

Wohlbefinden durch Kontakt
das Phänomen beschrieben. Von 0 bis 12 Monaten befindet sich das Baby in einer Übergangsphase, in der es ein grosses Bedürfnis nach Körperkontakt hat. Das Neugeborene soll gestreichelt, gewiegt und stimuliert werden. Und die Massage ist eine der Möglichkeiten, dieses Bedürfnis zu stillen.

In Indien sind Babymassagen etwas Alltägliches; die traditionellen Gesten heissen «Shantala». Diese Technik, die vom berühmten französischen Gynäkologen Frédérick Leboyer in seinem Standardwerk beschrieben wurde, ist aber weit mehr als eine Massage. Sie dient der Entwicklung der Mutter-Kind-Verbindung mittels Blick, Händen und Stimme. «Im Bauch der Mutter ist das Leben für das Kind sehr reich; Töne, Geräusche, ständige Bewegungen », schreibt Frédérick Leboyer. «Und selbst wenn die Mutter sich ausruht, so wirkt ihre Atmung wie ein Wiegen für das Ungeborene. Nach der Zäsur der Geburt befindet sich das Baby plötzlich allein in seiner Wiege.»

Alexia Torti bekräftigt: «Im Bauch der Mutter steht der Körper des Kindes in ständigem Kontakt. Das kindliche Bedürfnis nach Berührung hängt mit der Trennung nach der Geburt zusammen, es braucht Sicherheit.» Die Technik, die die Krankenschwester den Eltern vermittelt, lehnt sich an «Shantala» an. Allerdings verbindet sie die indische Tradition mit einer weiteren Technik, jener der Amerikanerin Vimala McClure, sowie mit Bewegungen der schwedischen Massage und der Fussreflexzonenmassage. «Eine Massage stimuliert das Atmungs-, Verdauungsund Immunsystem. Zudem wirken die Bewegungen aus der indischen Tradition schützend. Mit den Dehnungen der schwedischen Massage lernt das Kind die Ausdehnung seines Körpers kennen, und mit Fussreflexzonenmassage lassen sich die organischen Funktionen des Babys ins Gleichgewicht bringen».

Stärkere Bindung
In welchem Alter kann man anfangen, ein Neugeborenes zu massieren? «Sobald es über einen gewissen Lebensrhythmus verfügt, ich würde meinen, so gegen einen Monat. Vorher verbringt es seine Zeit fast nur mit Schlafen und Trinken. Es soll bereits minimal am Geschehen in seiner Umwelt teilnehmen, wach und verfügbar sein.» Zu Beginn reichen zehn bis fünfzehn Minuten. Es soll für das Baby ein Vergnügen sein und kein Zwang. «Passen Sie Tempo und Bewegungen Ihrem Kind an. Seien Sie aufmerksam.» Denn eine Massage ist mehr als nur Körperkontakt. Es ist ein besonderer Moment, mit dem der Vater oder die Mutter in Kontakt zum Baby treten kann. «Die Bindung zwischen Elternteil und Kind ist nicht einfach gegeben. Eltern finden ihre Rolle manchmal nicht vom einen Tag auf den andern», erklärt Alexia Torti. «Mit einer Massage kann diese Bindung hergestellt, entwickelt und gestärkt werden. Ich hatte zum Beispiel eine Mutter, die sitzen gelassen worden war; ihr Mann hatte sie während der Schwangerschaft verlassen. Sie wollte ihr Kind zu zweit lieben lernen, nun musste sie es alleine tun, sie musste eine Bindung unabhängig von der Paarbeziehung aufbauen. Die Massage half ihr dabei sehr. Sie verstand, dass das Baby sie brauchte. So kam die Bindung zustande.»

Sensorische Entdeckungen
Nebst dem Bindungsaspekt ist Körperkontakt auch sehr wichtig für die gute Entwicklung des Kindes: Es lernt seinen Körper kennen, stärkt sein Vertrauen in sich selber und in andere. «Frühgeborene beispielsweise erhalten viele Injektionen; die Gefahr besteht, dass sie Berührung mit Schmerz gleichsetzen. Deshalb ist es wichtig, diese Babys zu massieren, damit sie lernen, dass Berührung auch etwas Sanftes sein kann.»

nicht nur von der Sanftheit ab, mit der sich die Eltern ihrem Kind widmen. «Bei einer Massage gibt die Hypophyse des Babys (Drüse in einer kleinen Vertiefung an der Hirnbasis) ein Hormon ab, das Oxytocin. Dieses hat eine beruhigende Wirkung und fördert die Bindung. Man könnte es auch das „Liebeshormon” nennen. Es verschafft dem Kind ein Gefühl der totalen Geborgenheit.» Gibt es auch Kinder, die Massagen nicht mögen? «Das gib es, allerdings selten. Häufig hat der massierende Elternteil dabei keine Lust oder keine Geduld. Ein kleiner Ratschlag: Haben Sie deswegen keine Schuldgefühle. Wenn Sie nur fünf Minuten Zeit haben beim Wickeln, so machen Sie nur dies. Aber sprechen Sie mit dem Baby. Hören Sie ihm zu. Schauen Sie es an. Das ist alles, was es braucht.»


Bon à savoir

*Hinweis: Alle Angaben zu Babymassage und zu den Kursen von Alexia Torti finden Sie unter www.bebe-nature.ch.


Text: Anna Lancovit
Foto : David Prêtre / STRATES


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