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Kuscheltiere: Früher waren sie kaum sichtbar, heute
nehmen sie im Leben eines Kleinkindes einen zentralen
Platz ein. Wie kam es dazu?
Kuscheltiere waren noch nie so populär
wie heute: Es gibt spezielle Websites,
um sie im Falle eines Verlustes zu
suchen, sie stehen tonnenweise zum
Verkauf bereit, man kann sie mit der
Elternstimme versehen lassen, es
gibt Fachliteratur zum Thema – kurz,
Kuscheltiere
all überall.
Die Funktion von Kuscheltieren
Auf das Phänomen hin befragt,
sprechen die Fachleute für das
Kleinkindalter von einer wahren
Kuscheltierschwemme
der heutigen
Zeit, während es früher kaum ein
paar Teddys gab. Eine Aussage, die
Annouchka
Christin-Zingg, Psychologin
und Psychotherapeutin FSP in
Genf, etwas abdämpft: «Kinder haben
schon immer Mittel zur Selbstvergewisserung
gehabt, nur waren diese
früher weniger sichtbar. Vielleicht
hielten sie sich an einer Ecke des
Leintuchs fest, zwirbelten eine eigene
Locke um den Finger, das half bei
Aufregung; heute haben die Kinder
Kuscheltiere dafür zur Verfügung.
Was sich eindeutig verändert hat, ist
die Aufmerksamkeit für das Phänomen;
diese ist proportional zu jener,
die man dem Kind und dessen Platz
in der Familie einräumt.»
Das Kuscheltier ist dabei kein
universelles Objekt, es ist eine Besonderheit
unserer individualisierten westlichen
Gesellschaften. Paula Lambert,
belgische Kinderpsychiaterin, ist heute
in Belgien tätig, arbeitete aber zwölf
Jahre lang in Senegal. Für die medizinische
Zeitschrift Devenir 1 verfasste sie
sogar einen Artikel
zum Thema. «Im
Senegal schläft das
Kind immer neben
jemandem ein»,
erklärt die Fachfrau
am Telefon. «Es
gibt kein Kinderzimmer,
das Kind
verfügt über keine
eigenen Gegenstände.
Die Übergangsfunktion
des
Kuscheltieres wird
durch das vielfache
mütterliche Umfeld
in der nächsten Nähe sicher gestellt.
Von aussen besehen, scheint das Kind
in einer komplett symbiotischen Beziehung
zu seiner Mutter zu leben.» Das
Baby wird je nach seinen Bedürfnissen
gestillt,
schläft mit der Mutter, wird den
ganzen Tag über auf ihrem Rücken herumgetragen.
«Und doch gehört das Kind
in solchen Gesellschaften nicht exklusiv
zur Mutter, sondern vielmehr zur Gruppe,
und die Mutter weiss dies.»
Das Kuscheltier
des guten Gewissens
In den industrialisierten Ländern
und insbesondere in Europa hängt
das Auftreten der Kuscheltiere direkt
zusammen mit der Entwicklung von
der Grossfamilie
hin zur Kleinfamilie,
bei der häufig
beide Elternteile
arbeiten und das
Kind immer früher
selbständig wird.
«Man musste etwas
finden, um
dem Kind zu helfen,
sich an seine
neue Umgebung
und an die Personen
zu gewöhnen, die es in der Abwesenheit
der Eltern, und hier vor allem
der Mutter, hüten würden», analysiert
Marie-José Vaudroz, Leiterin
der Abteilung Kleinkinder in Plainpalais,
Genf. Sie meint, die Krippen
hätten vermutlich indirekt zum Aufschwung
der Kuscheltiere beigetragen.
Einige Krippen empfehlen den
Müttern, den Kindern für die Angewöhnungsphase
ein nach der Mutter
riechendes T-Shirt oder die eigene
Flasche mitzugeben, aber diese Dinge
haben nicht Kuscheltierfunktion.
«Diese Gegenstände
werden
von den Erwachsenen
gewählt,
das Kuscheltier
hingegen wählt
das Kind.» Ein
Prozess, der im
Alter von rund
acht Monaten beginnt,
wenn das
Baby merkt, dass
es und die Mutter
zwei verschiedene
Personen sind und
ihre Abwesenheit
mit einem Ersatzobjekt zu lindern
versucht. «Das Kuscheltier ist für
alle praktisch», meint eine Kleinkindererzieherin
lächelnd. «In einigen
Fällen verschont es uns von wiederholten
Anrufen besorgter Eltern,
die wissen wollen, wie die Kinder
die morgendliche Trennung verkraften.
» Für Marie-José Vaudroz
besteht das Risiko, dass man ein
Bedürfnis schafft, statt auf eines
antwortet und dabei vergisst, dass
einige Kinder sehr wohl auch ohne
Kuscheltier zurecht kommen. Sie
nennt das Beispiel eines Kindes, das
jeden Morgen, wenn es in die Krippe
kam, zur gleichen Stelle ging: «Es
hatte seine Ankunft ritualisiert und
eine Art und Weise
gefunden, mit
der Trennung gut
umzugehen.» Die
Fachleute wissen
aus Erfahrung,
dass die Kinder
mit affektivem
Mangel nicht die
Möglichkeit haben,
sich für ein
Objekt zu entscheiden,
aber mal
abgesehen von diesen seltenen klinischen
Fällen hat jedes Kind unterschiedliche
Bedürfnisse, die es
zu respektieren gilt.
Seelischer Trost
In ihrem Buch «Doudou or not
doudou?» 2 (Kuscheltier oder kein
Kuscheltier?)
stellen Véronique
Puech und Chantal van Tri fest, dass,
je stärker man sich mit der sensoriellen
Entwicklung des Kindes befasst,
desto klarer wird, dass das Kind nicht
eines, sondern mehrere Beruhigungsrituale
hat, die dem jeweiligen
Entwicklungsstadium entsprechen.
Wenn Louise, drei Jahre, Bauchweh
hat, so wird sie am liebsten gestreichelt
und hört gern ein bestimmtes
Lied. Beim Zubettgehen mag sie
ihre Lieblingsreime hören und hat
ein Zipfel Seide bei sich, an dem
sie herumkaut, auch während dem
Nachmittagsschlaf oder wenn sie
sehr traurig ist.
Zwar sind die meisten Eltern
und Fachleute für das Kleinkindalter
froh, wenn das Kind ein Mittel zur
Selbstvergewisserung gefunden hat,
aber einige sähen es auch gerne, wenn
es sich mit der Zeit davon emanzipieren
würde. Die Psychologen weisen
darauf hin, dass die Bindung zum
Kuscheltier natürlicherweise allmählich
schwächer wird, je mehr das
Kind andere Ressourcen in sich selber
findet. Man muss dem Kind also
nicht vorschreiben, wann es Recht auf
seinen Kuschelfetzen hat und wann
nicht. «Man geht das Problem immer
verkehrt an», bemerkt Anne Spira,
Psychologin und Psychotherapeutin
in der Kinderberatungsstelle Genf.
«Man sagt dem Kind: ‹Komm, wir
spielen, aber erst lässt du dein Kuschelding
beiseite.› Macht man aber
mit dem Kind zusammen etwas, das
sein Interesse weckt, so wird es sein
Kuschelobjekt in einem bestimmten
Moment von alleine beiseite lassen.
» Es wäre jedoch schade, so die
Psychologin weiter, wenn das Kuschelobjekt
die einzige mögliche Art
der Kompensation für Frustrationen
wäre, die das Kind erlebt: «Es kann
auch andere Ressourcen in sich selber
finden oder welche in Anspruch nehmen,
die ihm von den Erwachsenen
angeboten werden.»
SOS Kuscheltier
Was ist in diesem Zusammenhang
von den Websites zu halten, die verlorene
Kuscheltiere auflisten? Von
diesen vorausschauenden Eltern, die
das Kuscheltier gleich doppelt kaufen,
um bei einem allfälligen Verlust
einen
Ersatz zur Hand zu haben?
«Man kann sich fragen, ob es nicht die
Eltern sind, die des Trostes bedürfen.
Natürlich muss das Kind bei einem
Verlust mit Worten getröstet werden
», erklärt Annouchka Christin-
Zingg. «Man muss ihm zeigen, dass
der Verlust einem beschäftigt, dass
man das Kuscheltier sucht und zugleich
sollte man sich als Eltern sagen,
dass der Verlust zu den Erfahrungen
des Lebens gehört und das Kind lernen
muss, damit umzugehen.»
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