Man ist niemals zu klein, um Bücher zu mögen. Kinder können diese neue Welt mit all ihren Sinnen erfahren, bevor sie selbst lesen können. Und ihr dadurch schon etwas reifer begegnen!



«Weisst du, er war noch nicht einmal vier Monate alt, als mein Mann ihm die ersten Romane vorlas», erzählte mir meine Freundin Hélène. «Und mein Kleiner lag ganz bequem in seiner Schaukelliege und hörte ihm selig lächelnd zu». Und was las er ihm vor? Der kleine braune Bär, ein Abricot-Magazin oder eine Geschichte vom Prinzen und dem Drachen? «Ach wo! Er las ihm seinen Roman vor. Eine Kriminalgeschichte aus dem Mittelalter. Also nichts, was ein nur wenige Monate altes Baby interessieren würde… aber meinem Sohn schien es sehr zu gefallen…».

Der Ton macht die Musik
«Es kommt gar nicht so sehr auf das Buch an, sondern vielmehr auf den Spass am Lesen, den man dem Kind vermittelt», erklärt der bekannte französische Schriftsteller Alexandre Jardin, Gründer der Vereinigung «Lire et faire lire». Der Autor von «Roman des Jardin» und «Chaque Femme est un roman» hat seinen Kindern schon immer vorgelesen. Alle möglichen Bücher, nicht nur Kinderliteratur. Und wenn bestimmte Wörter zu kompliziert sind, dann ist das gar nicht tragisch, denn auf den Ton kommt es an, auf die Gefühle, die durch das Lesen vermittelt werden und einem Text Leben verleihen.

In ihrem neuesten Buch unterstreicht die Psychologin Suzanne Vallières aus Quebec diese These: «Es ist erwiesen, dass sich das Vorlesen bei Kindern ab dem dritten Lebensmonat günstig auswirkt. Es macht ja so viel Spass, Papa oder Mama beim Geschichtenerzählen zuzuhören und dabei der Sicherheit vermittelnden und anregenden Stimme zu lauschen…». Für die Spezialistin ist klar: je früher das Kind für Bücher sensibilisiert wird bzw. mit ihnen in Kontakt kommt, desto eher wird es sie in seine Spielsachen mit einbeziehen, mit denen es sich auseinandersetzt. «Mit 8 bis 10 Monaten wird es erstmals den Sinn gewisser Worte verstehen… Bilderbücher sind dann ein hervorragendes Mittel, um dem Kind seine Umgebung näher zu bringen und seine visuelle und akustische Wahrnehmung sowie die Fähigkeit zur Aufmerksamkeit und zum Denken zu stimulieren».

Bücher sind die Tore zur Welt. Sie vermitteln Botschaften und spiegeln Gefühle wider. Und sie sind hervorragende Helfer, wenn es neue Herausforderungen zu meistern gilt, wie z.B. die Geburt eines kleinen Brüderchens oder Schwesterchens, der erste Besuch der Kinderkrippe, die Angst vor Monstern unter dem Bett… «Geschichten helfen dem Kind, sich eine Phantasiewelt aufzubauen, aus der es schöpfen kann, um seine eigene Identität zu entwickeln». Suzanne Vallières schreibt dem Lesen sogar noch viel weiterreichende Vorteile im Zusammenhang mit schulischem Erfolg zu: «Kinder, die Lesen als angenehme Tätigkeit empfinden, entwickeln ganz automatisch eine Zuneigung zu Büchern und werden sich später – erstmals in der Schule – interessiert und motiviert mit diesem Medium auseinandersetzen!»

Meine eigene Tochter bekam ihr erstes Buch mit fünf Monaten. Ob sie wohl deshalb zu einer begeisterten Leseratte geworden ist? Wer weiss… Aber seit dieser Zeit schenke auch ich Säuglingen bei entsprechender Gelegenheit ein Buch!


Text: Anna Lancovit
Fotos : Philippe Pache

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