Vom «Nein» der Eltern
zum «Nein» des Kindes


Fachleute raten häufig dazu, die Babys nicht (zu sehr) zu frustrieren, da der Frust schon früh genug von allein einsetzt: zwingt man ein Kleinkind beispielsweise zum Essen, so kann sich das sowohl negativ auf das Verhalten des Kindes als auch auf seine Beziehung zu den Eltern auswirken… Doch was kann man tun, wenn das Baby erst einmal die Waffe des «Neinsagens» für sich entdeckt hat?



Warum beginnen Kinder von einem Tag auf den anderen, «Nein» zu sagen?

Im Laufe seines zweiten bis durchschnittlich zum dritten Lebensjahr durchläuft das Kleinkind die sogenannte Widerspruchsphase. Es beginnt, das «Nein» zu verwenden, um seinen Aufstieg gegenüber den Eltern zu testen.

Diese Phase ist für die psychische Entwicklung des Kindes sehr wichtig, kann es dadurch doch seine Persönlichkeit entwickeln, d. h. zu einem eigenständigen Wesen werden. Wie alle Menschen hat es auch Wünsche und Nicht-Wünsche (ich möchte essen, aber ich möchte nicht schlafen, zum Beispiel); es kann sie zwar noch nicht bewusst zuordnen, aber es kann sie zumindest äussern.

Es wird auch selbstständiger. Mit seinem Nein teilt es den Eltern mit, dass es selbst entscheiden kann, wann es Hunger hat, müde ist usw. Da es seine Grenzen ausloten möchte, wird es herausfinden wollen, wie weit es selbstständig entscheiden kann bzw. wie weit seine Eltern es selbstständig werden lassen.

Interessant in diesem Zusammenhang ist sicher die Tatsache, dass es in dieser Phase nicht so viele Zurechtweisungen anderen Autoritätspersonen gegenüber, beispielsweise Kinderkrippe, Grosseltern usw., äussert. Das beweist, dass dieser Prozess der Persönlichkeitsentwicklung direkt auf die Eltern fokussiert abläuft.

Dieses zerstörerisch anmutende Verhalten trägt zur Persönlichkeitsentwicklung des Kindes bei

Mit zwei Jahren ist das Kind noch unsicher bezüglich seiner Identität: es kann noch nicht richtig zwischen sich selbst und seinen Sozialpartnern unterscheiden. Doch genau in der Widerspruchsphase kann es seine Pe r s önl i chk e i t s entwi c k l ung verfeinern. Damit wird das Kind in der Lage sein, sich fest und systematisch anderen zu widersetzen. Das «Ich» und «Mein» stehen dann im Widerspruch zum «Du» und «Dein».

Diese Persönlichkeitsentwicklung ist zwar von grosser Bedeutung – das soll aber nicht heissen, dass man das Kind immer und allem widersprechen lassen soll, denn ein guter «Lehrmeister» biegt sich zwar, bricht aber nicht unter dem Gewicht der wachsenden Last.

Ein «Nein» kann viel mehr bedeuten als nur «Nein»

Die Widerspruchsphase kennzeichnet auch die Suche nach ungeteilter Aufmerksamkeit.

So kann der kindliche Widerspruch in direktem Zusammenhang mit einem Gefühl von «Rivalität» stehen. Die Zuneigung der Personen im Umfeld des Kindes richtet sich manchmal anderen Dingen oder anderen Personen entgegen, was möglicherweise zu einem gefühlten (aber in der Realität gar nicht vorhandenen) Liebesentzug führen kann.

Ein Kleinkind ist sozial in gewisser Weise vorformatiert. Es fällt im daher sehr schwer, seinen Eltern gegenüber seine Ängste, seinen Aufmerksamkeitsbedarf oder seine Vernachlässigung zu äussern, sei es aus Schamgefühl, sei es, weil man ihm nicht beigebracht hat, «alles sagen zu können».

Das Kind wird deshalb versuchen, auf sich aufmerksam zu machen: quengeln, klagen oder «krank sein», oder es zieht einfach ein anderes Register: das «Nein». Man sollte versuchen, die «Nein»-Botschaft des Kindes zu verstehen, gleichzeitig aber die erforderliche Autorität und ein gerechtes Urteil an den Tag zu legen.

Einige Tipps für die Eltern

– Wichtig ist vor allem, dass das Leben des Kindes nicht von Verboten bestimmt wird. Daher sollte man lieber zwei oder drei



Text: Charlotte Leclère
Illustration: Marisol Piersimone-Varela
 
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