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Zwei berühmte Kinderärzte, Edwige Antier und Aldo
Naouri, die gegenteilige Ansichten zu Erziehungsfragen
vertreten. Einige Schlüsselüberlegungen zum Thema
elterliche Autorität.
Über elterliche Autorität
Edwige Antier: «Zu glauben, dass
man Autorität einfach verordnen
kann, um ein Kind gut zu erziehen, ist
absolut illusorisch und sogar gefährlich.
Heute wissen die Eltern, dass
ihre Kinder sehr lange leben werden.
Wir leben in einer sich ständig wandelnden
Gesellschaft. Man kann also
nicht hoffen, ihnen eine Anleitung
fürs Leben zu geben, da wir schlicht
und einfach nicht wissen, wie unsere
Gesellschaft in 50 Jahren aussehen
wird. Hingegen können wir Kindern
Instrumente zur Anpassung vermitteln,
mit denen sie sich entfalten können
und das nötige Selbstvertrauen
entwickeln, um in der Lage zu sein,
sich allen neuen und unbekannten
Situationen anzupassen. Das macht
meiner Meinung nach gute Erziehung
aus: den Kindern Selbstvertrauen
und Anpassungsfähigkeit vermitteln.
Es gibt keine Gebrauchsanweisung
und Autorität ist nicht unbedingt ein
passendes Instrument.»
Aldo Naouri: «Man muss Autorität
ganz natürlich ausüben. Mit meinen
Patienten benutze ich häufig das Bild
einer Brücke über einem Abgrund,
über die man zu gehen hat, genau
so, wie man durchs Leben schreitet.
Wir alle müssen dies tun, und zwar
mit verbundenen Augen. Wenn ich
als kleines Kind in eine Richtung losgehe
und mich mit der Leere konfrontiert
sehe, so habe ich Angst. Wenn
ich in die entgegengesetzte Richtung
gehe und erneut auf die Leere stosse,
so habe ich wieder Angst und bleibe
unbeweglich stehen. Stosse ich jedoch
an der Stelle der Leere auf ein
Geländer, so verstehe ich rasch, dass
ich sicher fortschreiten kann. Elterliche
Autorität natürlich auszuüben
heisst, dem Kind zu zeigen, wo das
Geländer ist.»
Über das Kind als König
E. A.: «Der Ausdruck ‹Kind als König›
verleitet zu einem Missverständnis.
(...). Das Kind soll von 0 bis 3 Jahren
der König, die Königin sein. Für seine
Entwicklung braucht das Kind eine
emotionale Basis und Sicherheit. Und
ich sage dies nicht leichthin (...). Wenn
man nicht auf das Kind reagieren will,
es weinen lässt, wenn man es nicht
hören
und verstehen will in diesen
ersten drei Jahren unter dem Vorwand,
man verziehe es sonst, so wird es in der
Folge zum Tyrannen werden. Das Kind
während den drei ersten Lebensjahren
als König zu behandeln ist nicht nur
nicht schlimm, sondern wünschenswert
und sogar nötig.»
A. N.: «Man muss sich einigen, was
genau man unter ‹Kind als König› versteht.
Wenn die Psychoanalytikerin
Simone Sausse schreibt, Kinder hätten
einen Stundenplan wie überlastete
Minister, seien gelähmt durch
elterliche Ängste und müssten in einem
schwierigen Kontext bestehen,
so handelt es sich nicht um kleine
Könige, sondern um Kinder, die den
manchmal übertriebenen Zielen der
Eltern unterworfen werden. Das Kind
als König hingegen, das tyrannische
Kind, muss der Idee entsprechen, die
man sich von ihm macht, ohne ihm
ein entsprechendes Programm zu geben
und ohne, dass man irgendetwas
von ihm verlangt.»
Über den Platz des Vaters
E. A.: «Man sagt, Mütter würden kastrierend
wirken und sie sollten den Vätern
Platz einräumen, wie wenn Väter
eine Manövriermasse wären, die sich
ihren Platz nicht selber nehmen können.
Sie können dies sehr wohl, aber
sie sollten dies nicht plötzlich eines
schönen Tages tun wollen, nachdem
sie lange abwesend waren. Es ist zu
einfach, immer später vom Büro nach
Hause zu kommen, um die kleinen Kaprizen,
das Baden und Spielen mit dem
Kind zu umgehen. Ein Kind braucht
nicht nur Milch, sondern auch geistige
Anregung!»
A.N.: «Die Autorität des Vaters gründete
schon immer auf der Unterstützung,
die ihm die Gesellschaft entgegen
brachte. Dank dieser Unterstützung
wurde er explizit als Quelle von Autorität
wahrgenommen. Eine gegen ihren
Mann revoltierende Mutter konnte ihn
desavouieren und kritisieren, aber sie
anerkannte trotzdem die Autorität, die
er gesellschaftlich gesehen verkörperte
und machte damit auch dem Kind klar,
dass der Vater Träger dieser Autorität
war (...). Diese gesellschaftliche Unterstützung
ist komplett verschwunden
(...). Innerhalb einer Paarbeziehung
funktioniert Demokratie jedoch nicht,
aus dem einfachen Grunde, dass es
sich um eine Zweierkonstellation handelt,
bei der keine Mehrheit gebildet
werden kann.»
Über Frustration
E. A.: «Seine Kinder frustrieren zu
wollen, ist sadistisch. Zudem werden
sie ohnehin Frustrationen erleben.
Ab dem Zeitpunkt der Geburt ist das
Kind frustriert, im Gegensatz zum
Leben in der Gebärmutter, wo es via
Nabelschnur kontinuierlich genährt
wurde, ohne je Hunger zu haben (...).
Selbst eine noch so verfügbare Mutter
wird nie so sehr ihrem Kind gehören,
wie dieses es möchte. Das Kind will
allmächtig sein und die Mutter ganz
für sich alleine haben, aber sie kann
diesem Wunsch nicht entsprechen,
denn sie ist nur ein menschliches Wesen
mit seinen Grenzen.»
A.N.: «Für ein Kind besteht die
hauptsächliche Frustration darin,
nicht ganz über die Mutter verfügen
zu können. Bei einem Paar, das
stark zusammen hält und wo die
Frau weiss, dass sie nicht nur Mutter,
sondern auch Frau ist und der
Vater weiss, dass er Vater ist, wenn
er der Mann seiner Frau ist, kommt
es für das Kind zu Frustrierungen und
dies trotz aller denkbarer Spielzeuge,
mit denen man das Kind überhäufen
mag.»
Über «gute Eltern»
E. A.: «Es gibt zwei Arten von Kindern.
Jene, die man erträgt - Kinder
hat man einfach, aber eigentlich sind
sie einem zuwider; und jene Kinder,
für die man sich begeistert. Begeisterte
Eltern sind wunderbar; sie haben
gute Chancen, ‚ausreichend gute’ Eltern
zu sein, da sie das Kind gut beobachten
und bewundern werden.»
A. N.: «Es sind die Eltern, die ‚zu wünschen
übrig lassen’. Der Ausdruck ist
ambivalent: Was zu wünschen übrig
lässt, ist weit davon entfernt, perfekt
zu sein. (...) Der Ausdruck gestattet
es den Eltern, ihre Position neutral
einzunehmen und sagt gleichzeitig,
dass es sich um ausreichend ‚frustrierte’
Eltern handelt, um ihrem Kind
einen ‚Mangel’ zu vermitteln und dieser
stellt bekanntlich der Motor des
Verlangens dar.»
Lektüre: Faut-il être plus sévère avec nos enfants?
Edwige Antier und Aldo Naouri, erschienen bei Mordicus
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