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Erst hatten es die Fernsehmacher auf die Junioren und Senioren abgesehen, nun nehmen sie sich die Kleinsten vor und kreieren spezielle Babyprogramme. Viele Eltern schätzen dies, die Fachleute für das Kleinkindalter sind allerdings etwas weniger begeistert. Nachforschungen.


Die TV-Sender haben längstens begriffen, dass Kinder ein optimales Publikum darstellen. Aus diesem Grund enthalten die Programme täglich spezielle Kindersendungen und –filme, denn Kinder sind nicht nur treu, sondern auch unkritisch und leicht manipulierbar. Ja, mehr noch, die Glotze vermag die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer dermassen zu unterwerfen, dass sie schön still sind - Zeit für die Eltern, durchzuatmen und sich kurz den eigenen Beschäftigungen zu widmen. Und manchmal geht dabei ganz einfach vergessen, dass Max und Anna schon seit drei Stunden vor der Mattscheibe kleben. Mit anderen Worten: Der Fernseher wird heutzutage manchmal zum Babysitter. Mit dem Nachteil allerdings, dass dieser Babysitter für die in Entwicklung begriffenen Youngsters nicht ohne Gefahren ist.

Unbeweglich vor der Mattscheibe
Valentin ist so ein trauriges Beispiel. Mit 18 Monaten ging es diesem süssen Kleinen nicht gut. Grösse und Gewicht waren für sein Alter unterdurchschnittlich. Sein Gesicht war oftmals ganz starr, nur sein Blick hatte Leben. Sein Wortschatz beschränkte sich auf «Pa», «Ma», «Tatie» (die Hütefrau) und «Télé» (Fernseher). Abends, wenn die Eltern von der Arbeit heimkehrten, war Valentin widerspenstig, wollte nicht einschlafen und wachte fast jede Nacht weinend auf. Es bedurfte eines Besuchs beim Kinderpsychiater und eines Rundgangs zu Hause, um herauszufinden, was los war. Um ihre Ruhe zu haben, setzte die Hütefrau Valentin jeden Morgen in einen Kindersitz und platzierte ihn vor den Fernseher!

Dieser Fall wird vom Kinderpsychiater Stéphane Clerget in seinem Buch «Ils n’ont d’yeux que pour elle» («Sie sehen nur ihn») angeführt,* in dem er sich mit den Auswirkungen des Fernsehens auf Kinder befasst. Das Buch erschien lange bevor es die Baby-Channels gab, die rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche werbefreie Spiel- und Musikprogramme für die Kleinsten senden.

Das 2001 in den Staaten lancierte BabyFirstTV (seit kurzem in der Schweiz via CanalSat erhältlich) hat offenbar viele Eltern überzeugt. Laut einer 2006 durchgeführten Umfrage von Frederick Zimmerman, Kinderarzt und Professor an der Universität von Seattle, schauen in den USA 40% der Babys im Alter von drei Monaten jeden Tag fern; im Alter von sechs Monaten sind es bereits 1,5 Stunden pro Tag und mit zwei Jahren sitzen 90% der Kinder täglich vor der Mattscheibe. Nach der Auswertung einer repräsentativen Umfrage bei 1000 Haushalten kam Professor Zimmerman zum Schluss, Fernsehen für Kinder unter zwei Jahren sei nicht zu empfehlen. Warum dies? Kinder mit einem hohen täglichen Fernsehkonsum weisen eine verzögerte Sprachentwicklung auf, haben Schwierigkeiten mit Lesen und Rechnen und mit der Konzentration, werden leichter übergewichtig, hyperaktiv oder aggressiv. Die deutliche Aussagen der Studie dienten der American Academy of Pediatrics (AAP) als Grundlage für ihre Empfehlung, Kinder unter zwei Jahren nicht vor den Fernseher zu setzen.

Gezielte Programme
Seit 2005 gibt es BabyTV auch in der Schweiz. Das via Naxoo verbreitete Programm israelischen Ursprungs stösst bei den Eltern auf ein positives Echo. So findet man auf der Website des Kanals beispielsweise die Meinung von Christine: «Meine sechs Monate alte Tochter schaut BabyTV seit ihrer Geburt. Sie hat nun bereits ihre Lieblings- Trickfilme und abends mag sie die Magische Laterne. «Aus Holland dankt Marike dem Sender: «Das erste Wort, das meine Tochter am Morgen sagt, ist: ‹Baby› (für BabyTV)!» Und eine Mutter aus Frankreich hat kürzlich ihren Buben das DVD-Paket von BabyTV geschenkt. Denn der Trick dieser werbefreien Sender besteht darin, Marketingprodukte anzubieten. Das hat auch der französische Psychiater Serge Tisseron bemerkt: «Auf diese Weise kann das kleine Eichhörnchen von BabyFirstTV, diese dürftig und vermutlich mit wenig Aufwand gestaltete Trickfigur, Millionen einbringen, sobald sie einmal mit einer Keks- oder Schokoriegelmarke in Verbindung gebracht wird.» Oder ganz einfach als Plüschtier den Weg über den Kassentisch findet. Der Autor eines Buches zu diesem Thema* warnt die Eltern: «Diese TV-Sender schränken die Entwicklung des Kleinkindes ein. Beim Fernsehen gebraucht das Baby nur einen seiner Sinne, den Sehsinn, aber der Wachzustand ruft nach der Interaktion aller fünf Sinne. Von null bis drei Jahre hat das Kind ein Bedürfnis nach Bewegung, will Gegenstände greifen, daran nuckeln, mit ihnen spielen. Was Babys gut und fördert? Wenn man sie anschaut, mit ihnen spricht, Geräusche mit dem Mund macht, mit der Mimik und der Gestik spielt. Vor einem Bildschirm bleibt das Kind passiv. Die Eltern sollten begreifen, dass Fernsehen nicht für Babys gemacht ist.»

Die Meinung der Fachleute In Frankreich haben die Fachleute für das Kleinkindalter versucht, Babysender zu verbieten, und viele schweizerische Kinderärztinnen und -ärzte haben aus der Ferne dieses Vorgehen begrüsst, ohne jedoch ihrerseits offiziell Position zu ergreifen. Nicole Pellaud, Mitglied des Vorstands der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie und Präsidentin der Gruppe für Sozial- und Präventivpädiatrie, erklärt, dass die SGP die von der American Academy of Pediatrics herausgegebenen Empfehlungen übernommen hat. Laut ihrer persönlichen Ansicht soll das Kleinkind nicht mit Bildern überschüttet werden, die es nicht versteht. «Ein Baby will getragen werden, man soll es ansprechen, es streicheln, kurz, seinen Entwicklungsbedürfnissen gemäss behandeln, was nur eine vertraute Person zu tun imstande ist. Wenn auf einem TV-Sender ein Kinderlied läuft, so hat das nichts zu tun mit Mama, die ein Kinderlied singt! «Also Schluss mit Fernsehen? «Nein», meint Nicole Pellaud,» es ist alles eine Frage der Dosierung. 5 bis 15 Minuten für die über Zweijährigen, warum nicht? Unter der Bedingung, dass ein Erwachsener daneben sitzt.»

Die Dosierung macht es aus
«Unrealistisch», würde Mathilde antworten, Grafikerin und Mutter von zwei kleinen Kindern. Jeden Morgen frühstücken Vanessa, fünf Jahre, und Louis, zwei Jahre, vor dem Fernseher. Eine «gesegnete» halbe Stunde, während der sich die Eltern bereit machen können. «Ich stelle bei Freunden und Verwandten fest, dass sie es ähnlich halten», sagt Mathilde. Am frühen Abend setzt sich Vanessa während 60 bis 90 Minuten vor die Mattscheibe, während Louis, obwohl schon ganz früh mit dem Fernseher vertraut, sich kaum dafür interessierte. «Er schaute ab und zu und beschäftigte sich dann mit anderen Dingen. Seit sechs Monaten ist er etwas neugieriger geworden. Er mag Cars und protestiert, wenn ich den Fernseher ausschalte.» Mathilde und ihr Ehemann verfolgen jedoch aufmerksam, was sich ihre Kinder anschauen. «Wenn Vanessa auf einen anderen Sender zappt, so hört sie was. Sie dürfen in der Regel Trickfilme und einige DVDs schauen.» Nie wird mit laufendem TV-Gerät gegessen und einen Fernseher ins Kinderzimmer zu stellen, kommt nicht in Frage. «Fernsehen soll etwas sein, das wir miteinander teilen. Wenn meine Kinder zu Hause sind, so spielen sie draussen, ich lese ihnen Geschichten vor, singe Lieder mit ihnen.» Mathilde fühlt sich von einigen Disney-Filmen an ihre eigene Kindheit erinnert. «Ich war Einzelkind, meine Eltern arbeiteten viel und ich schaute oft fern. Deswegen bin ich nicht dümmer geworden als andere. Ich würde sagen, dass das Fernsehen meine Fantasie in gewisser Weise angeregt hat, aber ich las auch sehr viel.» Fernsehen mag also für einige Kinder förderlich sein, für andere ist es nicht zu empfehlen. Angesichts der Empfindsamkeit von Kindern sind deshalb gesunder Menschenverstand und Wachsamkeit im Umgang damit angesagt.

Für mehr Informationen:
http://www.swiss-paediatrics.org/parents/television-et-medias/education_aux_medias.pdf
et www.pro-juventute.ch


Kasten
Ratschläge für die Eltern gemäss der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie und der American Academy of Pediatrics:

– Kinder unter zwei Jahren sollen nicht fernsehen
– Kurze Trickfilme (eine Viertelstunde) für die Jüngsten wählen
– Inhalte kommentieren und mit den Kindern diskutieren
– Programme sorgfältig auswählen
– Gewalttätige Filme und Videospiele vermeiden
– kein Fernseher im Kinderzimmer
– Die besten Zeiten fürs Fernsehen sind der Vormittag und der Nachmittag
– Kein Fernsehen während dem Essen und kurz vor dem Schlafengehen, denn die Kinder können erregt werden
– Stellen Sie den Fernseher weg, wenn Ihr Baby nachts häufig aufwacht, oftmals grundlos weint und sich nicht trösten lässt, wenn es sich nicht konzentrieren kann, wenn es nicht oder noch zu wenig spricht


Text: Julia Hofmann
1 Ils n’ont d’yeux que pour elle de S. Clerget, erschienen bei Fayard