 |
In den Läden gibt es massenhaft rosa Kleider und rosa
Objekte mit ihrer stereotypen Botschaft für kleine
Mädchen.
Aber die rosa Tyrannei betrifft auch Buben.
Erklärungen.
Kürzlich brachte das Label Heelarious® eine
Art rosa Söckchen auf den Markt, die wie High
Heels ausschauen – nota bene für Babys im
Alter von 0 bis 6 Monaten, die noch gar nicht
gehen können. Das stiess den einen oder anderen
Eltern sauer auf. Gleich wie die rosa Version
des Gesellschaftsspiels Monopoly, Monopoly
Boutique, das in der Deutschschweiz seit vergangener
Weihnachten erhältlich ist. Dieses
Monopoly, laut Werbung «100% girly», legt den
Mädchen nahe, ihr Spielgeld für Handys, die
Miete einer Yacht oder für Maniküre auszugeben.
Diese beiden Beispiele sind sicherlich
extrem, aber doch auch ein Anzeichen dafür,
dass die Farbe Rosa im Reich der kleinen
Mädchen
Überhand genommen hat. «Ja,
pink ist Mode», meint dazu die Zürcherin
Suzanne
Nievergelt, Presseverantwortliche bei
Franz Carl Weber. In den Geschäften dieses
grossen Spielzeugwarenhauses gibt bei den
Mädchen die Farbe Rosa den Ton an, allen
voran
die Marke Hello Kitty. Ähnliches berichtet
Fausto Carosella, Verkaufsleiter bei
Toys R us in Ecublens (VD): «Die Vorliebe für
Rosa war etwas zurückgegangen, aber jetzt verlangen
die Eltern diese Farbe wieder vermehrt
und die Spielzeughersteller bringen alles in
rosa Farbtönen heraus.»
Gewiss, Rosa ist stimulierend,
knallig, anziehend – aber bleibt den
kleinen Mädchen wirklich noch eine andere
Wahlmöglichkeit?
Bei Manor ist die Ecke mit
Spielzeug für Mädchen vollständig rosa ausgekleidet,
mit assortiertem Teppich und Mobiliar.
«Farben dem Geschlecht zuzuordnen bringt
gewisse kommerzielle Vorteile», betont Elizabeth
Fischer, Modehistorikerin an der Hochschule
für Kunst und Design in Genf. Eine bestimmte
Farbe bestimmten Aktivitäten zuzuordnen,
ebenfalls. Und tatsächlich: Welcher kleine
Bruder wäre bereit, das «Dora»-Trottinett seiner
älteren Schwester zu übernehmen?
Farben haben ein Geschlecht
Allerdings wird dem Reich der kleinen
Mädchen
nicht nur die Farbe Rosa zugeordnet.
«Wenn Rot vorkommt, runde Formen, lebhafte
Farben, Punkte oder Blümchen oder auch
nur Motive, so halten die Kunden das Produkt
für mädchenhaft», bemerkt
Frédérique Schenker, Mitbegründerin
der Boutique
für Mama und Kind «L’Envie
de Fraises» in Genf.
Weswegen
die Kundinnen
oftmals den Eindruck haben, es gebe weniger
Kleider für Buben als für Mädchen. Um dem
Problem abzuhelfen, haben einige Kinderläden
nun mit Absicht eine Unisex-Linie im Angebot,
ergänzt um einige typischere Stücke. Seit fünf
Jahren geht die Boutique «Ovale» nun schon
diesen Weg: Spezialisiert auf Geburtsgeschenke
hat sie ausschliesslich Unisex-Kleider in den
Farbtönen Weiss und Beige im Angebot. Die
Idee dahinter: Das Baby mit «reinen» Farben
anziehen, es zeigen, wie es ist, ohne jegliche
Geschichte. Ein Baby soll nicht einem
Geschlecht
zugeordnet und erst recht nicht
schon im Wiegenalter in ein Fashion Victim
transformiert werden – das ist die Botschaft der
Marke mit ihren Shops in Paris, Zürich, Genf
und London. Der Laden Cyrillus mit der gleichen
Geschmacksphilosophie spielt ebenfalls
mit Beigetönen sowie mit Grau, integriert aber
für die ganz Kleinen hellblau und hellrosa. Bei
Bon Génie/Grieder sieht man Kollektionen, die
der Garderobe von Papa und Mama ähneln, mit
dunkeln Farben oder gar mit Schwarz, auch
wenn für Mädchen die Farbe Rosa stark nachgefragt
wird.
Farbe als Markierung
Für Priscille Touraille, Anthropologin und Forschungsassistentin
am Naturkundemuseum in
Paris, ist Farbe der wichtigste Markierungsfaktor
für das Geschlecht. «In einer Gesellschaft,
in der Kinder immer früher sozialisiert werden,
dient die Zuordnung einer bestimmten Farbe
an beide Geschlechter dazu, den Eltern die
Befürchtung zu nehmen, ihr Kind würde mit
seinem biologischen Geschlecht nicht anerkannt.
» Für die Forscherin mit einer Leidenschaft
für Geschlechterfragen ist jedoch die
erstaunlichste Tatsache nicht die Zuordnung
von Rosa zu Mädchen, sondern das Tabu, Rosa
auch für Jungen zu verwenden. «Rosa ist das
erste Element der Ungleichheit, eine Ungleichheit
an und für sich.» Diese Bemerkung, eine
unter vielen, bleibt hängen. Viele Verkäuferinnen
und Verkäufer, zumindest in der Westschweiz,
bemerken, dass ein winziges rosa
Detail an einem Kleidungsstück, einem Accessoire
oder an einem anderen Produkt genügt,
dass es für einen Jungen nicht mehr in Frage
kommt. Mehr noch, das «Rosa-Verbot» gilt
manchmal sogar für die Mütter, wie eine der
Chefinnen von «L’Envie de Fraises» feststellt.
«Es gibt werdende Mütter, die kein Rosa tragen
wollen, wenn sie wissen, dass sie einen Jungen
bekommen.»
Rosa, eine ausschliessende Farbe
Von der Rosa-Frage ist auch der Verein «labelle
» betroffen, der Kinderbücher mit einem
weiblichen Potenzial in all seinen Facetten
fördern will. Man wählte Rosa, um die Botschaft
zu transportieren und das Zielpublikum, die
Mädchen, zu erreichen – ohne sich um den
Vorwurf zu sorgen, es würde mit einem
Stereotyp
gearbeitet. «Man kann diese Farbe
auch mit Positivem verbinden», kommentiert
Anne Dafflon Novelle, Doktor in Sozialpsychologie
und eine der Mitbegründerinnen des Vereins,
rückblickend die Sache. Aber nach zwei
Jahren Vereinsarbeit und einer sehr guten
Sichtbarkeit des Logos nicht zuletzt dank der
gewählten Farbe änderte man die Meinung.
«Erfahrungen im Schulbereich machten uns
bewusst, wie stark auch Buben von geschlechtertypischen
Aktivitäten betroffen sind und eingeschränkt
werden. Wir begriffen, dass es für
sie schwierig ist, ein Buch mit einem rosa Kleber
drauf zu wählen, und deshalb wechselten
wir zu einem bunten Logo.» Mit ihrem «The
Pink and Blue Project» reflektiert die südkoreanische
Fotografin JeongMee Yoon seit
mehreren Jahren die Grundlage der Stereotypen
von Rosa und Hellblau im Reich der
Kinder.
In ihrer Porträtserie sind die kleinen
Mädchen umgeben von einem Meer aus
persönlichen
Dingen, alle rosa, und die Buben
posieren mit ihren hellblauen Sachen. Die
Künstlerin verlangt von ihren Fotomodellen
einen ausdruckslosen Blick wie um zu betonen,
wie stark die Objekte die Identität der Subjekte
beeinflussen; für den Augenblick einer Aufnahme
setzt sie die Kinder wie eines ihrer
eigenen Spielzeuge ins Licht. Das Ergebnis ist
irritierend.
Rote Beeren
Ist aber diese Vorliebe für eine Farbe rein
kulturell
bedingt? 2007 waren zwei Forscherinnen
des Neurowissenschaftlichen Instituts
der Universität Newcastle, England, überzeugt,
das Gegenteil beweisen zu können. Anya Hurlbert
und Yazhu liessen zweihundert Männer und
Frauen einen Test machen. Ergebnis? Eine
allgemeine Präferenz von Blau mit einer
eindeutigeren
Tendenz der Frauen, auf der
Achse Rot-Grün eher Rot zu bevorzugen. Okay,
aber inwiefern beweist dieses Ergebnis die biologische
Determiniertheit einer solchen Vorliebe?
Die Forscherinnen, die auch Chinesinnen
und Chinesen in die Testgruppe aufgenommen
hatten, meinten, die identischen
Ergebnisse bei den
chinesischen Versuchspersonen
würden beweisen,
dass die Vorliebe nicht
mit einer bestimmten Kultur
zusammenhängt. In
Zeiten der Globalisierung
der Konsumgewohnheiten
erstaunt dieses Argument
dann doch. Aber gestützt auf ihre Forschungsarbeiten
kam Anya Hurlbert zum Schluss, dass
die Geschlechterdifferenz
bei der Farbpräferenz
biologisch begründet sei: Die Vorliebe
für Rot und Rosa bei Frauen stamme vom
Beerensammeln
unserer Vorfahrinnen – die
Farbe zeigte die Reife der Früchte an. Wenn
man weiss, dass die Zuordnung von Rosa zu
Mädchen
und Hellblau zu Buben aus dem 19.
Jahrhundert stammt und alles andere als universell
ist, so ist diese Logik der evolutionistischen
Psychologie
nur schwer zu halten.
«Solche Forschungen tragen nur dazu bei, dass
sich Eltern nicht verantwortlich fühlen angesichts
von Ungleichheiten
zwischen den
Geschlechtern», bemerkt Priscille Touraille.
Nötige Fixpunkte
Wie auch immer: Laut Ansicht von Fachleuten
für das Kleinkindalter machen viele kleine
Mädchen im Alter von zwei bis vier Jahren eine
rosa Phase durch, eine Phase voller Feen,
Prinzessinnen
und anderen elfengleichen
Wesen.
«Ein Kind braucht Fixpunkte, um eine
Identität aufzubauen, und je klarer diese
Bezugsgrössen
sind – sie können auch zur
Karikatur
verkommen – desto strukturierender
sind sie und desto mehr Sicherheit vermitteln
sie», sagt dazu die Genferin Pernette Steffen,
Psychologin-
Psychotherapeutin FSP. «Die
symbolischen Spiele, in denen das kleine Mädchen
eine Fee oder eine
Prinzessin ist, sind Ausdruck
eines Traumes: zauberhaft
und gleichzeitig
geliebt zu sein. Ohne das
Kind allzu sehr zu desillusionieren,
sollten die Eltern
ihm zeigen, dass es auch
noch andere Perspektiven
gibt, indem sie ihm andere
weibliche Rollenmodelle
vorschlagen, mit denen es
sich identifizieren kann. Angesichts
des vorherrschenden
Kommerzes müssen die
Eltern ihren Töchtern
helfen,
die verschiedenen
Facetten ihrer Persönlichkeit
zu entwickeln
und nicht
einem Stereotyp zu verfallen,
ohne dabei jedoch die
eigene
Weiblichkeit oder
den Unterschied zwischen
den Geschlechtern zu verleugnen.
»
Für mehr Informationen:
www.lab-elle.org
www.jeongmeeyoon.com
www.ovale.com
www.enviedefraises.ch
www.fcw.ch
|
 |