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Wie viele Zigaretten darf ein Erwachsener rauchen, ohne seinem Kind allzu sehr zu schaden? «Falsche Frage», antwortet die Expertin für Tabakprävention Corinne Wahl*, denn die Schädlichkeit hängt von der Anzahl der Jahre der Exposition mit Rauch ab, unabhängig von der Anzahl der gerauchten Zigaretten. Erklärungen.


Wie viele Zigaretten darf eine schwangere Frau maximal rauchen?
Meint Ihr Arzt, 5 Zigaretten pro Tag seien nicht schlimm, so sollten Sie den Arzt wechseln, ob Sie nun schwanger sind oder nicht. Die gefahrlose Zigarette gibt es nicht, und hat man sich erst einmal an ein Ritual gewöhnt, und sei es nur an die eine Zigarette nach dem Kaffee, so besteht doch bereits ein reelles Abhängigkeitsrisiko. Die Gefährlichkeit des Rauchens hängt aber stärker mit der Anzahl der Jahre der Rauchexposition und weniger mit der Anzahl gerauchter Zigaretten zusammen, auch wenn dies ebenfalls ein wichtiger Faktor ist. Es ist also «besser», während eines Jahres drei Päckchen pro Woche zu rauchen statt drei Zigaretten pro Monat während 10 Jahren. Dies gilt sowohl für erwachsene Raucherinnen und Raucher wie auch für Kinder von Rauchern.

Welche Expositionsdauer ist tolerabel?
Man weiss, dass jeder zweiter Raucher an seinem Zigarettenkonsum stirbt, man weiss jedoch nicht, welche Zigarette jene «zu viel» ist, deshalb lässt sich diese Frage nicht beantworten. Schematisch gesprochen gleicht der Vorgang einer Vergiftung. Das durch das Verbrennen der Zigarette entstehende Kohlenmonoxyd vertreibt den Sauerstoff aus den Zellen. Der entzündliche Zustand, in dem sich der Körper danach befindet, um die Giftstoffe zu bekämpfen, kann bis zu 20 Jahren anhalten. Und eines Tages gibt der Körper auf, ist ermüdet und dann kann sich eine Krankheit entwickeln. Rauchen heisst, russisches Roulett mit seinem Körper zu spielen – und mit jenem der eigenen Kinder.

Der Tabak ist doch ein Naturprodukt, weshalb ist er dann so giftig?
Der Tabakrauch einer jeden Marke setzt sich aus 4 000 Komponenten zusammen: aus Nikotin natürlich, aber auch aus Arsen, Blei, DDT, Polonium, Kadmium, Aceton, Vinylchlorid, Ammoniak und Quecksilber – und weiteren 3990 Stoffen. Der Tabak wird nicht pur geraucht, er wird mit verbrennungsfördernden Stoffen wie beispielsweise Titandioxid versetzt. Der Verbrennungsprozess, bei 10 dem 850°C erreicht werden, multipliziert den schädlichen Effekt der Zigarette. Die Bio-Zigarette gibt es nicht.

Welche Schäden erleidet ein Kind in einem Raucherhaushalt?
Das erste Risiko besteht darin, gar nicht erst gezeugt zu werden, denn Rauchen schränkt die Fruchtbarkeit ein. Der Vater kann unter Erektionsproblemen leiden, da der Sauerstoffmangel und die durch das Rauchen erzeugte Vasokonstriktion die Blutzirkulation und damit die Erektion beeinträchtigen. Bei der Mutter kann es zu einem hormonellen Ungleichgewicht kommen, zu einem Östrogenmangel, und sie kann häufiger Zyklen ohne Eisprung haben. Im Durchschnitt dauert es bei einem rauchenden Paar zwei Mal länger, bis die Frau schwanger wird, als bei einem Nichtraucher-Paar.

Was erleidet das Ungeborene während der Schwangerschaft?
Das ungeborene Baby nimmt direkt Nikotin und Kohlenmonoxyd auf. Ein Fötus entwickelt sich besser in einem gesunden Körper als in einem, der unter Angriff steht. Der Sauerstoffmangel kann zu einer schlechten Zellvermehrung führen, und zwar vom ersten bis zum letzten Tag der Schwangerschaft. Raucherinnen haben ein grösseres Risiko für extrauterine Schwangerschaften, Fehlgeburten oder für Mi s sbi ldungen beim Kind (Gaumenspalte, Verwachsungen). Das Risiko für eine Fehlgeburt liegt 1,5 Mal höher und jenes für einen medizinisch indizierten Abort 3 Mal höher. Höher ist auch das Risiko für eine Frühgeburt: Raucherinnen gebären doppelt so häufig vor dem Termin wie Nichtraucherinnen. Babys von Raucherinnen sind häufiger untergewichtig bei Geburt (weniger als 2,5 kg). Und selbst wenn der Säugling sein Normalgewicht innerhalb weniger Monate erreicht, so bleibt doch die Frage, ob die während der Schwangerschaft in ihrer Reifung beeinträchtigten Organe ihre Funktionalität ganz erlangen. Zweifel daran bestehen, da diese Kinder häufig kränker sind als andere.

Gibt es Babys, die als Raucher zur Welt kommen?
Ja, klar. Alle Ungeborenen, deren Mütter rauchen, erhalten via Nabelschnur die meisten Substanzen des Zigarettenrauchs, darunter Nikotin. Ihre Neurorezeptoren gewöhnen sich an die Dosen und die Geburt, also das Ende der direkten körperlichen Verbindung via Nabelschnur, wird als brutale Entwöhnung erlebt. Es ist möglich, dass solche Babys darunter leiden und so genannte «Craving-Symptome» aufweisen, ähnlich wie Drogensüchtige auf Entzug. Nach einigen schwierigen Tagen gewöhnt sich der kleine Körper an die neue Situation, man weiss jedoch nicht, was im Gehirn als Erinnerung gespeichert bleibt. In Genfer Spitälern werden jedes Jahr einige Notfälle mit Babys eingeliefert, die sich in einem solchen Entzugsstadium befinden. Danke, Mami!

Soll eine Raucherin nicht stillen?
Eine rauchende Mutter hat oftmals einen Viertel weniger Muttermilch und Giftstoffe aus dem Zigarettenrauch gelangen auch in die Muttermilch. Trotzdem wird rauchenden Müttern empfohlen, ihr Kind zu stillen, damit das Kind Abwehrstoffe der Mutter erhält und die Mutter-Kind- Beziehung gefördert wird, vor allem in den ersten Lebenstagen des Babys. Kurz, der sofortige wohltuende Effekt des Stillens ist höher zu gewichten als die Schadstoffe des Rauchens. Zudem wird das Baby die Entwöhnung vom mütterlichen Tabakkonsum in abgemilderter Form erleben.

Mit welchen Krankheiten muss man bei einem Kind rechnen, das Rauch ausgesetzt ist?
Nach der Geburt kumulieren sich für das Kind die vorgeburtlichen Risiken, jene des Passivrauchs und jene von Feinstaub. Ein Säugling, der Passivrauch ausgesetzt ist, hat ein drei Mal Das erste Risiko besteht darin, gar nicht erst gezeugt zu werden, denn Rauchen schränkt die Fruchtbarkeit ein höheres Risiko für den plötzlichen Kindstod. Kinder aus Raucherhaushalten leiden häufiger an Hals- Nasen-Ohren-Erkrankungen und Lungenkrankheiten: Erkältungen, Ohrenentzündungen, Bronchiolitis, Bronchitis und Asthma. Das Risiko, übergewichtig zu werden, ist doppelt so gross, das Risiko, dass Jugendliche mit rauchenden Eltern selber auch RaucherInnen werden, ist sieben Mal so hoch wie bei anderen Jugendlichen - die Neurotransmitter sind frühzeitig auf Nikotin und das prädisponierende Umfeld sensibilisiert worden. Als Raucherin oder Raucher werden sie eher an Lungen-, Rachen- oder Mundhöhlenkrebs erkranken und häufiger an Herz- Kreislauf-Erkrankungen leiden. Die kardiovaskulären Krankheiten verursachen heute noch leicht mehr Opfer, auch wenn 90% der Lungenkrebserkrankungen auf Tabakkonsum zurückzuführen sind.

Leidet langfristig auch die psychologische Entwicklung des Kindes?
Vermutlich, denn nebst den physiologischen Risiken gibt es auch Verhaltensrisiken. Neurotransmitter, die unter Nikotineinfluss stehen, stimulieren die Abgabe von Dopamin, Noradrenalin und Serotonin, die als Gehirnhormone auf unsere Stimmungen und gewisse Emotionen einwirken. Unter Nikotin werden die «Hähne» dieser Substanzen künstlich geöffnet und das Kind von rauchenden Eltern kann seine Emotionen weniger gut leben und kontrollieren. Später, wenn das Kind Stimmungsschwankungen oder deprimierende Phasen erlebt, kann es weniger natürlich mit diesen Momenten umgehen und wird es vorziehen, sich eine Zigarette anzuzünden. Einige Studien weisen zudem einen Zusammenhang zwischen Kinder von rauchenden Eltern und Aggressivität und Impulsivität nach. Die Hypothese lautet, dass die Abhängigkeit und der Mangelzustand zu Druck, Kontrollverlust und mangelnder Distanz führen und gewisse unkontrollierte Reaktionen fördern. Anscheinend gibt es einen Zusammenhang zwischen Kindern, die vorgeburtlich Nikotin ausgesetzt waren, und Aggressivität, aber andere Parameter wie die Erziehung sind wahrscheinlich wichtiger.

Was raten Sie Raucherinnen, die schwanger werden möchten, schwanger sind oder ein Baby haben?
Sich mit einem Nikotinpflaster behelfen und aufhören zu rauchen – so werden 3999 Substanzen ausser dem therapeutischen Nikotin vermieden. Vor einigen Jahren noch undenkbar: Man darf einer schwangeren Frau heute Nikotinersatzpräparate empfehlen, allerdings weder Zyban noch Champix (Rauchentwöhnungstabletten). Im Vergleich mit einer gerauchten Zigarette ist die Nikotinzufuhr mittels Pflaster also weniger schädlich fürs Kind. Frauen, die diese Lösung wählen, sollten sich nicht mit Schuldgefühlen quälen, sondern sich beraten lassen. Gesundheitsfachleute (Arzt, Hebamme und Krankenpflegepersonal), die in Tabakprävention geschult sind, können Unterstützung bieten und helfen, geeignete Lösungen zu finden (zum Beispiel Rauchstopplinie Tel. 0848 000 181 der Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz).

Ist Rauchen auf dem Balkon eine Lösung?
Im Wohnzimmer zu rauchen, während das Kind in seinem Zimmer spielt, ist etwa so, wie wenn man in die eine Ecke des Schwimmbades Pipi macht und glaubt, die andere Ecke des Bades würde nicht verschmutzt. Dasselbe gilt, wenn man am Fenster, auf dem Balkon oder auf der Terrasse bei geöffneter Türe raucht: Der Unterdruck des Gebäudes zieht den Rauch mit einer Art Staubsaugereffekt ins Zimmer. Die Feinstaubpartikel gelangen wieder in die Wohnräume und verteilen sich auf Vorhänge, Teppich und Sofa. Am besten wäre es, draussen zu rauchen, in einiger Entfernung zur Wohnung, und die Fenster geschlossen zu halten. Andernfalls beruhigt man höchstens das schlechte Gewissen.

Angesichts der Risiken, die Rauchen für das Kind beinhaltet, müsste man Ihrer Meinung nach gegen eine rauchende Mutter Klage wegen vorsätzlicher Gewalt am Kinde einreichen?
Einige stellen sich diese Frage. Mich stört es aber, auf diese Weise in die Privatsphäre der Menschen einzugreifen. Ich ziehe es vor, zu informieren, zu schulen und Prävention zu betreiben.

Informationen: www.at-schweiz.ch


Das Verhalten des Kindes gegenüber der Zigarette
Je nach Alter reagiert ein Kind unterschiedlich auf Passivrauch. Je früher und je länger es exponiert ist, desto höher ist das Risiko, dass es als Erwachsener auch zu rauchen beginnt:

– 0-6 Jahre: Das Kind erträgt den Rauch stillschweigend.

– 6-8 Jahre: Das Kind reagiert, greift ein, versteckt oder zerstört die Zigaretten der Eltern.

– 10-12 Jahre: Das Kind zweifelt an den Botschaften, die es in der Schule oder sonst wo mitbekommt, denn es sieht, das Mama und Papa nicht gestorben sind (0,3% RaucherInnen).

– 13-14 Jahre: Gefahr, die Eltern zu imitieren (2 % RaucherInnen).

– 15-16 Jahre: Gefahr, mit Rauchen zu beginnen (10 % RaucherInnen).

– 18-19 Jahre: Entwicklung eines Rauchverhaltens wie Erwachsene (29% RaucherInnen, gleicher Anteil wie bei Erwachsenen).

– 19-24 Jahre: Der junge Erwachsene raucht mehr als ein durchschnittlicher Erwachsener.

– 35 Jahre: Er oder sie hat Zweifel und denkt, vielleicht wäre Aufhören angesagt.



Interview: Flora Madic
Illustrationnen : Sandra Romy