Für zwei essen?

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Ausgewogene Ernährung ist in der Schwangerschaft entscheidend. Gleichzeitig herrschen diesbezüglich noch viele Vorurteile. Was sollten Schwangere nun essen und worauf verzichten, um sicherzustellen, dass das Baby sich gut entwickelt? Ein Gespräch mit der Ernährungsberaterin Peggy Ardissone.

Stimmt es, dass Schwangere für zwei essen sollen?

Nein, keinesfalls. Ganz egal, was Ihre beste Freundin oder Ihre Grossmutter sagt – die werdende Mama muss keinen Bärenhunger entwickeln, nur weil sie ein Kind im Bauch hat. Jede Schwangerschaft ist einzigartig, jedoch gibt es eine Regel, die für alle Schwangeren gilt: Man muss doppelt so gut wie üblich und nicht doppelt so viel essen. Kurzum: Qualität vor Quantität.

 

Ist es empfehlenswert, in der Schwangerschaft darauf zu achten, nicht zu viel zuzunehmen?

Dies gilt nur für übergewichtige oder gar adipöse Frauen. Schliesslich führt Übergewicht zu erhöhten Risiken für Präeklampsie, Schwangerschaftsdiabetes sowie kindliches Übergewicht. Daher wird betroffenen Frauen empfohlen, bereits vor der Schwangerschaft ein annähernd normales Körpergewicht zu erreichen.1 D ie zukünftigen Mütter müssen ihre Ernährung umstellen, die Nahrungsmenge anpassen und vor allem auf das Sättigungsgefühl achten. So kann der Gewichtsverlust sogar dauerhaft sein, sofern die richtigen Ernährungsgewohnheiten beibehalten werden. Je mehr die Frau sich ausgewogen ernährt und die Portionsgrössen anpasst, desto mehr wird sich das Übergewicht reduzieren. Im Übrigen ist es auch für werdende Mütter, die kein Problem mit Übergewicht haben, wichtig, an ihren Ernährungsgewohnheiten zu arbeiten und diese zu optimieren.

Worauf sollte man besonders achten?

Regel 1: Achten Sie auf eine gesunde, vielseitige und ausgewogene Ernährung. 

Regel 2 (je nach Empfehlungen des Haus- oder Frauenarztes): Erhöhen Sie die Zufuhr von Vitamin B9, das man in Hülsenfrüchten
(z. B. Linsen, Erbsen, Bohnen) findet. Es kommt aber auch im Spinat, in Spargeln, im Brokkoli, in der Kresse und in Nüssen (Baumnüsse, Mandeln, Haselnüsse) vor. Auch Leinsamen sind reich daran. Die in diesen Lebensmitteln enthaltene Folsäure ist wertvoll und wirkt sich entscheidend auf die Gene aus. Sie ermöglicht ein besseres zelluläres Wachstum des Kindes und begünstigt die Entwicklung des Nervensystems.

Regel 3: Vergessen Sie nicht, dass in der Schwangerschaft der Bedarf an (pflanzlichen und tierischen) Eiweissen im Vergleich zum Grundbedarf ansteigt. Aus diesem Grund sollten Schwangere je nach Fortschritt der Schwangerschaft mehr Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte zu sich nehmen als sonst. Wichtig sind aber auch Getreideprodukte, Ballaststoffe und Hülsenfrüchte, da sie für Sättigung sorgen. Beachten Sie jedoch, dass diese die tierischen Produkte, die Schwangere benötigen, nicht kompensieren können.

Was empfehlen Sie Vegetarierinnen?

Diejenigen, die kein Fleisch mögen, können auf Eier, Fisch und Milchprodukte ausweichen. Falls ein werdendes Mami sich nicht überwinden kann, tierische Eiweisse zu sich zu nehmen, muss sie wissen, dass ihre Muskelkraft im Verlauf der Schwangerschaft zunehmend nachlassen wird. Sie sollte sich folglich bis zur Geburt engmaschig überwachen lassen.

Sollte man auf bestimmte Lebensmittel verzichten?

Um die Risiken von Infektionskrankheiten wie der Toxoplasmose zu reduzieren, empfehle ich vor allem ein gutes Durchgaren des Fleisches, wobei keine rosigen oder gar blutigen Stellen bleiben sollten. Prinzipiell sollte man – auch wenn es schwer fällt – auf geräuchertes und mariniertes Fleisch verzichten. Waschen Sie das Gemüse mehrfach und achten Sie auch verstärkt auf die Sauberkeit der Küchengeräte und des Kühlschrankes. Verzichten Sie auf Rohkost, sofern Sie das Gemüse nicht selber gewaschen haben. Um sich vor Salmonellen zu schützen, sollten Sie Eier im Kühlschrank aufbewahren und auf weichgekochte Eier verzichten. Eiweiss und Eigelb müssen hart sein. Lassen Sie auch bei Mayonnaisen, Mousse au Chocolat, Tiramisu und anderen Desserts Vorsicht walten, da diese rohe Eier enthalten können. Um der Listeriose vorzubeugen, sollten Sie zudem auf Rohmilchprodukte, Weichkäsesorten sowie Käserinden verzichten! Seien Sie auch vorsichtig mit Wurstwaren und bevorzugen Sie eingepackte Produkte aus dem Supermarkt, anstatt der leckeren Pasteten von der Delikatessentheke.

Sind Meeresfrüchte gefährlich?

Ja, sofern sie roh sind. Diese Lebensmittel können Parasiten wie Bandwürmer enthalten, die zu einer Vergiftung führen können. Achten Sie in Restaurants darauf, dass Gerichte, die z. B. Jakobsmuscheln oder Krevetten enthalten, gut durchgegart sind. Gleiches gilt für Austern, Muscheln oder Schalentiere.

Müssen Kaffeejunkies ihre Gewohnheiten ändern?

Ich denke nicht, dass man auf den Kaffee verzichten muss. Es kommt darauf an, welche Gewohnheiten die Frau vor der Schwangerschaft hatte. Falls sie sechs Tassen Kaffee pro Tag trank, wird es ihr schwer fallen, dies in der Schwan gerschaft zu ändern. Eine bis zwei Tassen pro Tag sind meiner Meinung nach in Ordnung. Um einer Dehydrierung vorzubeugen, sollte man für jede Tasse Kaffee zusätzlich die doppelte Menge Wasser trinken. Zudem möchte ich ergänzen, dass man zwar viel von den Risiken des Kaffees spricht, aber den Tee vernachlässigt. Dabei sollte man den Teekonsum in ähnlicher Art und Weise limitieren.

Wie sehen die drei perfekten Hauptmahlzeiten für eine Schwangere aus?

Zum Frühstück empfehle ich Tee, Kaffee oder Kräutertee, Brot mit Konfitüre, ein Milchprodukt oder Zerealien mit Milch sowie eine Frucht. Zum Mittag sollte es rohe oder gekochte Gemüse, Fleisch oder Fisch, Brot mit Käse oder ein Milchprodukt sowie eine Frucht geben. Zum Nachtessen empfehlen sich Gemüse oder stärkehaltige Produkte, Fleisch oder Fisch, je nachdem wie viel zu Mittag gegessen wurde, und wiederum eine Frucht. Im Übrigen sollte nur die Menge an Fleisch, Fisch, Eiern und Milchprodukten genau kontrolliert werden. Bei den anderen Lebensmitteln sollte man auf seinen Körper hören und diese je nach Hunger- und Sättigungsgefühl zu sich nehmen.

Wie viel Gewicht sollte man in der Schwangerschaft zulegen?

Zwischen 9 und 12 kg. Eine zu starke Gewichtszunahme kann zur Entstehung von Schwangerschaftsdiabetes sowie Bluthochdruck führen, der seinerseits Präeklampsie auslösen kann. Es gibt aber auch Frauen, die trotz einer verstärkten Gewichtszunahme eine völlig komplikationsfreie Schwangerschaft haben. Wir können nicht alles beeinflussen und jeder Körper ist anders. Die monatliche medizinische Überwachung verhilft den Frauen jedenfalls dazu, sich sicherer zu fühlen.

Müssen Schwangere komplett auf Alkohol verzichten?

Ja. Heute wird empfohlen, in der Schwangerschaft gänzlich auf Alkohol zu verzichten. Dies gilt übrigens für jede Art von Alkohol und auch für jede Menge. Schon ein Glas könnte für das Baby katastrophale Folgen haben, insbesondere wenn es in einem entscheidenden Entwicklungsmoment eingenommen wird. Es ist auch bekannt, dass regelmässiger Alkoholkonsum zu irreversiblen zerebralen Läsionen führen kann. So wird Schwangeren, die das Gefühl haben, nicht auf den täglichen Konsum von Alkohol verzichten zu können, empfohlen, sich in Behandlung zu begeben, um sicherzustellen, dass der Verzicht nicht zu Stress und Nervosität führt. Im Übrigen setzen nicht nur werdende Mütter, die regelmässig trinken, ihr Kind Gefahren aus. Selbst Schwangere, die ausschliesslich im Ausgang oder bei einem guten Essen Alkohol zu sich nehmen, gefährden ihr Kind, da der Alkohol problemlos die Plazentaschranke überwindet. Die Ethanol-Konzentrationen im Fruchtwasser erreichen demnach Werte, die mit denjenigen im mütterlichen Blut vergleichbar sind.

Kann sich eine Ernährungsumstellung auf das Geschlecht des Kindes auswirken?

Allein schon die Idee einer speziellen Diät ist absurd, weil sie gegen die ausgewogene Ernährung verstösst und zu Mängeln führt. Zudem gibt es überhaupt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass man das Geschlecht des Kindes beeinflussen kann. Man kann sich auch fragen, ob ein Mami, das alles gemacht hat, um einen Buben zu bekommen, und dann ein Mädchen zur Welt
bringt, ihre Enttäuschung vor dem Kind verbergen kann. Ich denke, dass man heute vieles aussuchen kann, aber nicht das Geschlecht seines Kindes. Und das ist gut so. Lassen wir uns vom Leben überraschen!

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