Mami ist schwanger – und Papi auch

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Deutliche Gewichtszunahme – 10 bis 15 Kilos in wenigen Monaten – Übelkeit, Rückenschmerzen, starke Müdigkeit, Kopf- und Bauchschmerzen, plötzliche Heisshungerattacken, hormonale Schwankungen usw. Das Couvade-Syndrom sieht einer Schwangerschaft zum Verwechseln ähnlich. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass sich der Prolaktinspiegel, der für die Produktion von Muttermilch verantwortlich ist, bei einigen Männern mit dem Syndrom erhöht, während der Testosteronspiegel, das Männerhormon par excellence, sinkt. Bei den werdenden Vätern steigen die Symptome im letzten Schwangerschaftsdrittel der Frau merklich an. Einzige Lösung: die Geburt. Marie erzählt von ihren Erlebnissen mit ihrem Mann während der Schwangerschaft: «Christian hat während meiner Schwangerschaft 13 kg zugenommen, genau wie ich und auch mit der gleichen Geschwindigkeit, obwohl er in den fünf Jahren unserer Beziehung vorher ein stabiles Gewicht hatte. Nachts erwachte er mit unglaublichem Heisshunger, der sich nur am Kühlschrank stillen liess. Nach meiner Geburt hat er die Extrapfunde schnell wieder verloren und ist wieder ganz der Alte. Heute ist er ein Superpapi!» Das Couvade-Syndrom ist tatsächlich ein Preis, den die werdenden Väter zahlen müssen.  

Identitätskrise?

Was passiert im Körper und der Seele der Männer, die die Schwangerschaft ihrer Partnerin so nah mitfühlen und miterleben? Einige Fachpsychologen halten das Couvade-Syndrom für die unbewusste Schaffung einer symbolischen Verbindung zum Baby, da sich der werdende Vater während der Schwangerschaft etwas ausgeschlossen fühlt. Andere sehen es als physische Repräsentation einer gewissen Eifersucht. Wieder andere sehen es als Phänomen, das es dem Vater ermöglicht, die Vaterschaft anzunehmen, indem er auf empathische Weise die gleichen harten Proben über sich ergehen lässt wie seine Partnerin. In allen Fällen geht es für den werdenden Vater darum, eine Identitätskrise zu überwinden. Dadurch, dass der Vater ebenfalls «schwanger» ist, kann er seine Ängste bewältigen, die neuen Verantwortungen und Pflichten, die mit dem Vatersein kommen, annehmen und sich so passend auf seine Rolle vorbereiten. Für Fabien, den Partner von Sylvie, war sein Couvade- Syndrom die Antwort auf eine Identitätskrise, die er seit seiner Kindheit mit sich trug. «Als fünftes Kind in einer Familie mit acht Kindern hatte ich immer das Gefühl, das Kind in der Mitte zu sein, für das man sich kaum interessierte. Als Sylvie mir sagte, dass sie schwanger sei, war ich sehr glücklich, aber sehr schnell hat mich eine grosse Angst überkommen. Würde ich es als Vater schaffen, die Liebe zu geben, die ich nie erhalten hatte? Diese Frage war für mich zentral und je mehr Zeit verging, desto dicker wurde ich und desto komischere Symptome zeigten sich. Ich ging zum Psychologen, der mir dabei half, zu verstehen, was mit mir geschah, aber auch die Trennung zwischen mir als Kind und mir als Mann, der ich heute bin, zu schaffen. Insgesamt gelang es mir dank des Couvade-Syndroms, Blockaden abzubauen, die ich seit der Kindheit hatte». Welche

Unterstützung bietet sich bis zur Geburt?

Als zukünftiger Vater mit Couvade-Syndrom können Sie beruhigt sein, Es handelt sich nicht um eine Krankheit und alle Symptome werden mit der Geburt des Kindes verschwinden. Aber die Unterstützung in dieser Phase ist sehr wichtig. Nimmt Ihr Partner sichtlich zu? Sprechen Sie so viel wie möglich mit ihm, fordern Sie ihn auf, über seine Erlebnisse im Zusammenhang mit der Schwangerschaft zu reden und wie er sich als Vater sieht. Erzählen Sie ihm gleichzeitig von Ihren Gefühlen als zukünftiges Mami! Und wenn die Symptome bei der Geburt nicht verschwinden oder vom Baby Blues gefolgt werden – den gibt es auch bei Vätern – regen Sie ihn an, zu einem Psychologen oder in eine Selbsthilfegruppe zu gehen. Die gibt es inzwischen in den meisten Kinderspitälern. 

Interessantes:

Auch wenn das Männerkindbett belächelt wird, ist es in den Riten einiger traditioneller Gesellschaften und Naturvölker präsent, basierend auf einem Gefühl der Verlassenheit oder als Bestätigung der Vaterschaft. Dabei werden die Verhaltensweisen der schwangeren Frau übernommen und die Männer scheinen wirklich schwanger zu sein. Nach der Geburt beginnt die Frau rasch, ihre instinktiven Aufgaben zu übernehmen, während der Vater das Bett hütet und mit Geschenken überhäuft wird. 

Fachmännischer Rat:

François Ansermet, Professor für Kinderpsychiatrie der Universität Genf und Leiter des Psychiatriedienstes für Kinder und Jugendliche am Unispital Genf, meint dazu: «Die Rituale des Männerkindbetts, die sich in einigen Kulturen finden, zeigen, dass der Übergang von Mann zu Vater einer gewissen Arbeit bedarf und dieser Übergang genauso kompliziert ist wie derjenige von Frau zu Mutter. Vielleicht sogar noch mehr. Während der Schwangerschaft erleben Frauen die Andersartigkeit des kleinen Wesens in ihrem Bauch. Für den Vater ist es abstrakter, denn er muss dieses Kind in seinen Kopf aufnehmen, während die Frau es im Bauch trägt. Und wie macht er das alles mit? Einige fühlen sich ausgeschlossen, andere wiederum etwas verloren darin, was genau geschieht. Natürlich war der Vater bei der Empfängnis dabei. Aber das subjektive Universum der Sexualität ist anders als das der Fortpflanzung, genauso wie das der Schwangerschaft unabhängig von der Geburt ist. Die Geburt ist schwere Arbeit für die Frau. Man könnte also während dem Männerkindbett von Arbeit für den Mann sprechen. Das Couvade-Syndrom ist ein bisschen die Geburt des Vaters.»

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